Vereinsportrait: genug e.V.

Den Verein genug e.V. habe ich über ein engagiertes Mitglied kennengelernt, der für die Steuererklärung in unsere Beratung kam. Für das Vereinsportrait traf ich mich mit der Vereinsgründerin und Vorständin Christiane Schwauch.

 

 

Wie ist euer Verein entstanden?

Begonnen hat alles mit der Initiative „Jahr ohne Zeug“ im Jahr 2013. Da habe ich einer Freundin nebenbei erzählt, dass ich nichts kaufe und daraufhin haben wir in eisiger Kälte ziemlich lange über Konsum, Nachhaltigkeit und vieles mehr geredet. Mein Kollege und ich haben uns dann dazu entschlossen, Menschen über eine Facebook-Seite dazu anzuregen, ein Jahr ohne überflüssiges Zeug und Konsum zu leben. Zeug sind in dem Fall Gegenstände, die nach Gebrauch noch da sind, also zum Beispiel Mobiliar, Kleidung, Elektronik etc. In dem Jahr ohne Zeug wird auf ein Großteil dieser Anschaffungen verzichtet. Für Sachen, die allerdings wirklich benötigt werden stehen zwei Joker zur Verfügung.

Das Projekt sollte dazu dienen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was man wirklich braucht und was einem wichtig ist. Außerdem wollen wir Alternativen aufzeigen, wie man Sachen anders erhalten, reparieren oder besorgen kann. Wir haben die TeilnehmerInnen auf einer Facebook-Seite mit Artikeln begleitet , die Alternativen des Konsums vorgestellt oder Hintergrundinfos gegeben haben – darüber, was Suffizienz bedeutet: sowohl für einzelne Personen, aber auch im weltwirtschaftlichen Kontext.

Erfahrungsgemäß bringt allein der Satz „Ich kaufe ein Jahr lang nichts“ Menschen zum Nachdenken und in den Dialog über Konsumverzicht. Das erweckt viel Aufmerksamkeit und schlägt Wellen. Das Projekt hat viel mehr Zuspruch bekommen und Teilnehmer angezogen als erwartet. Nach fünf Jahren, in denen wir zu zweit die Initiative bestritten haben, haben wir angefangen uns darüber Gedanken zu machen, wie wir das Ganze auf eine institutionelle Ebene heben könnten und haben den Verein Ende 2017 gegründet.

 

Was ist das Ziel Eures Vereins?

Der Vereinszweck ist, die Themen Suffizienz und Nachhaltigkeit in den Fokus zu rücken. Das bedeutet Fragen zu thematisieren wie „Wieviel brauchen wir wirklich? Wieviel Planet können wir ausschöpfen? Müssen wir wirklich so leben, wie wir gerade leben? Was ist genug?“ und ein Bewusstsein dafür zu formen, inwiefern eine konsumorientierte Welt, die stark auf Kosten anderer lebt, von imperialen Strukturen aufrechterhalten wird und was wir daran im Einzelnen ändern könnten.

© Hannah Krist/genug e.V.

Was macht ihr?

Wir haben drei Hauptprojekte. Neben dem „Jahr ohne Zeug“ geht es uns darum globale Zusammenhänge in den Kiez zu bringen. Darum betreuen wir neben „Ein Jahr ohne Zeug“ auch die Projekte „Neukölln Nachhaltig – Das Fest“ und den „Tag des guten Lebens“.

Wir haben schnell gemerkt, dass wir mit Veränderung sehr gut bei uns selbst und unserem nächsten Umfeld beginnen können. Wir können durch den direkten Kontakt und dem lokalen Bezug sehr gut Sensibilisierungsarbeit auf Augenhöhe leisten und gemeinsam der Frage nachgehen „Was ist das gute Leben für alle?“.

War das Nachhaltigkeitsfest Eure Idee?

Ich denke wir als Verein waren gerade an einem Punkt, an dem wir auch von uns aus ein solches Projekt angedacht hatten. Die Ausschreibung des Bezirksamtes kam uns da gelegen. In der Ausschreibung ging es hauptsächlich um die Frage der Müllverwertung und -vermeidung und darum, wie wir die Nachbarschaft miteinbeziehen können. Und es ging darum, das Wir in diesem Kontext zu pflegen, damit sich alle gemeinsam verantwortlich fühlen.

Beim Nachhaltigkeitsfest und generell sind wir als Verein der Überzeugung, dass man einen allgemeineren Ansatz braucht, als den Fokus nur auf Müllvermeidung zu legen. Dieses Jahr war z.B. Mobilität ein großes Thema. Wie kann das nachhaltiger gestaltet werden? Ein einfaches Beispiel sind Lastenfahrräder.

In einem Workshop habe ich Davide B. kennengelernt, der den „Tag des guten Lebens“ bereits in Köln iniitiert hat. Diese Idee wollten wir jetzt auch nach Neukölln bzw. Berlin bringen. Es geht darum drei Berliner Kieze für einen Tag autofrei zu gestalten. Auch bei diesem Projekt liegt der Fokus darauf, Menschen zum Nachdenken anzuregen – und zwar darüber, wie ein Leben ohne Autos sein könnte. Ich glaube daran, dass es wichtig ist, diese Erfahrung – einen Kiez völlig ohne Autos – selbst zu erleben, um zu schauen, ob man sich ein Leben so vorstellen könnte. Inzwischen läuft das Projekt gut an und der erste Tag des guten Lebens findet im Juni 2020 statt – allerdings vorerst nur in drei Berliner Kiezen.

© Hannah Krist/genug e.V.

 

Wieviele Mitglieder habt ihr?

Wir haben 15 Mitglieder. Viele davon sind NeuköllnerInnen, weil viele sich bereits vorher kannten. Inzwischen bekommen wir aber auch überregionale Anfragen der Mitgliedschaft. Wir überlegen also bereits, ob und wie wir deutschlandweit arbeiten könnten. Dafür müssen wir uns aber erstmal überlegen, wie wir perspektivisch vereinsintern und strukturell arbeiten wollen.

 

Wie finanziert Ihr Euch?

Wir haben keine festen MitarbeiterInnen. Beim Nachhaltigkeitsfest werden Honorare gezahlt weil der Organisationsaufwand sehr hoch ist. Ansonsten haben wir viele HelferInnen, denen wir auch versuchen, eine Aufwandsentschädigung zu zahlen. Wir haben bisher keine aktive Spendenakquise betrieben, weil wir noch zu klein sind. Bisher läuft das meiste ehrenamtlich.

 

Was würdest du sagen, ist euer Alleinstellungsmerkmal?

Leider weiß ich gar nicht, wie andere Vereine arbeiten und mache mir Gedanken darum, ob die Vereinsstruktur für uns das richtige Gerüst ist. Für uns ist der Verein nämlich hauptsächlich: eine Körperschaft, um Dinge gemeinsam angehen zu können, ein strukturelles Gerüst. Grundsätzlich teilen wir aber alles, was wir machen auch mit Nicht Vereinsmitgliedern und eben auch gerade mit denen. Es geht uns darum, das Thema Nachhaltigkeit niedrigschwellig in den Mainstream zu bringen. Was wir machen, würden wir aber auch ohne dieses Gerüst machen.

Vor welchen Herausforderungen habt ihr in der Vergangenheit als Verein gestanden? An welchen Ereignissen ist euer Verein gewachsen?

Eine Herausforderung ist auf jeden Fall die Frage der Perspektive: Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Wie viel Zeit haben wir für das Projekt? Und wollen wir deutschlandweit oder lokal arbeiten? Was tun wir, wenn wir weder Mittel noch Zeit dafür haben? Wie weit vertrauen wir anderen, das Projekt so weiterzuführen, wie wir das erdacht haben? Was ist für uns die richtige Struktur? Ein Verein mit wenigen Mitgliedern und entsprechend wenig Abstimmungsaufwand oder mit großer Mitgliederbasis und vielen Ideen und großer Reichweite? Wir möchten die unkomplizierte Verfasstheit, die wir jetzt haben gerne erhalten, uns andererseits aber auch viel mehr öffnen.

Eine große Herausforderung ist es auch die Gelder mehr für Arbeit und weniger für Zeug auszugeben. Viele Vereine stellen viel auf die Beine und brauchen dafür Sachmittel. Das benötigen wir nie. Das widerspricht unserem Konzept der Suffizienz. Wir versuchen mit möglichst wenig Mitteln möglichst viel umzusetzen. Wir könnten tolle Öffentlichkeitsarbeit machen und tolle T-Shirts und Bags verkaufen und uns darüber finanzieren. Aber gerade das wollen wir nicht. Viele Förderungen haben einen hohen Anteil an Sachmittelförderungen und dementsprechend haben viele Vereine hohe Ausgaben.

Ich finde es schade, dass wir mit niedrigschwelligen Förderungen zwar Bierbänke kaufen können, aber niemanden dafür bezahlen können, der eine anständige Website gestaltet.
Es wäre schön, wenn wir mehr Wertschätzung zeigen könnten und nicht immer auf der persönlichen Schiene Verbindlichkeiten schaffen würden. Ein gutes Mittel dafür wäre Bezahlung. Dankbarkeit sollte sich auch finanziell niederschlagen. Ehrenamtliches Engagement muss man sich eben auch leisten können.

Konntet ihr die Herausforderung meistern?

Was die strukturellen und bürokratischen Herausforderungen angeht, sind wir darauf gekommen, dass sich am besten ein Vereinsmitglied richtig in die Materie einlesen sollte, recherchiert und es den anderen vorträgt. Vorerst ist das eine mögliche und effiziente Arbeitsaufteilung, solange wir in einem kleineren Team und lokal arbeiten. Wenn viele Menschen an einem Thema arbeiten, braucht man auch viel Verwaltung und Organisation. Bürokratie ist eine Herausforderung, aber auch Grundlage für Wachstum.

Worauf seid ihr besonders stolz?

Ich bin stolz darauf, mit fast keinem Geld viel Aufmerksamkeit erzeugt zu haben für unser Thema. Das heißt, es ist eine gute Idee, die wir kurz formuliert haben und die Idee sich einfach durchgesetzt hat. Jetzt können wir uns eine Struktur geben und auch noch mehr umsetzen. Ich bin auch stolz, dass wir bereits im ersten Jahr unseren ersten Projektantrag beim Bezirksamt durchbekommen haben. Das heißt wohl, dass wir ein solides Konzept geschrieben haben, gut vernetzt sind, lokale Begebenheiten kennen und das, was wir machen gut kommunizieren können. Das finde ich schon gut und das macht mich stolz.

 

Wo braucht ihr als Verein noch Unterstützung?

Ich hätte schon gerne einen Leitfaden zum Vereinswesen. Sozusagen einen 1 zu 1 des Vereinsführens. Gerade in finanziellen und buchhalterischen und Verwaltungsaspekten. Wir haben ein großes Interesse daran, alles korrekt zu verwalten und abzurechnen. Es wäre schade, wenn unser Projekt an verwalterischen Hindernissen scheitert.
In diesem Sinne wäre ein Austausch mit erfahrenen Vereinen super.

 

Was könnt ihr im Tausch anbieten?

Wir sind – glaube ich – richtig gut in der Öffentlichkeitsarbeit.

 

Das Interview führten wir am 23.07.2019. Im Anschluss entstand ein ausführlicheres Gespräch, welche Angebote der Verein noch nutzen könnte bei Neukölln VEREINt.