Vereinsporträt: Die Superarmen e.V.

Den Verein Die Superarmen e.V. habe ich über ein engagiertes Mitglied kennengelernt, der in unsere Beratung gekommen ist. Für das Vereinsporträt traf ich mich mit den beiden Mitgliedern Christa Vieten und Wolfgang Retzlaff. 

Was macht Euer Verein?
Christa: Wir sind die Die Superarmen – Arme für Arme und wir wollen für genauso arme Menschen dasein, wie wir es sind. Das bedeutet: Einkaufen, bei Krankenhausaufenthalten mal den Hund ausführen, Blumengießen, Essen bringen. Oder auch einfach mal helfen Anträge auszufüllen, wenn das Beamtendeutsch einen mal wieder herausfordert. Da wollen wir helfen. 

Was ist Euer Satzungszweck?
Beide: Glauben, grob steht da Wohlfahrtspflege.

Wie habt ihr Euch gegründet?
Christa: Angefangen hat alles in der Warteschlange auf dem Hof der Berliner Tafel in der Karl-Marx-Straße Laib und Seele.  Da haben sich einige kennengelernt und eine kleine Gruppe gebildet, die dort öfter zusammen hingegangen ist. 2015 kam irgendjemand auf die Idee: haben wir uns schonmal richtig bedankt? Das war kurz vor Ostern. Also haben wir dann für die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen von Laib und Seele Osternester gefüllt und jedem Mitarbeiter*in ein Nest geschenkt. Das war toll. Noch im selben Jahr haben wir dann ein kleines Fest nach Feierabend für sie vorbereitet mit Würstchen, Steaks und Salaten. Ein Fässchen Bier und Biergarnituren gab es auch.  Nach einer kleinen Ansprache haben sich dann alle hingesetzt und zusammen gegrillt und wir haben sie gerne bedient.
So fing das alles an.
2016 haben wir in dem gleichen Hof dann ein Sommerfest ausgerichtet. 2017 haben wir uns dann den Richardplatz ausgesucht und wollten den Erlös dem Katzenhaus in Lichtenrade spenden, aber es war alles so teuer, dass die Ausgaben die Einnahmen gefressen haben. Da waren wir traurig.
Dann war jemand von der Berliner Woche bei uns und hat einen Bericht über uns geschrieben. Daraufhin haben wir eine Spende von 500 Euro erhalten, die wir dann als Gutschein feierlich an das Katzenhaus übergeben haben. Zufällig war das auch der Weltkatzentag.

Wie kam es schließlich zum Verein?
Wolfgang: Durch das Fest am Richardplatz. Damals sagten alle, es wäre billiger gewesen, wären wir ein eingetragener Verein gewesen.  Dann haben wir beschlossen einen zu gründen.
Christa: Wir haben dann ganz naiv einen Verein gegründet, indem wir uns im Internet informiert haben, wie man sich gründet und eine Satzung ausarbeitet. Unsere Fassung wurde dann 2 x abgelehnt vom Amtsgericht, aber seit dem 22.6. 2018 sind wir ein eingetragener Verein und seit 7. Februar 2019 ein gemeinnütziger Verein.

Wie entstand euer Name?
Christa: Wir wollten was einprägsames und originelles, worüber die Leute nachdenken und was das eigentlich bedeutet und keinen Allerweltsnamen!
Wir sind arm aber super drauf, also Die Superarmen! Das hat uns allen gleich gefallen. Wir sind zwar arm, aber super drauf, weil wir Freunde haben. Tolle Erklärung, oder?

Wieviel Mitglieder*innen habt ihr?
Beide: Zehn

Was macht ihr meisten?
Beide: Flohmarkt!
Christa: Wir haben aber auch Jemanden in der Sonnenallee, der nicht laufen kann, weil er die Lungenkrankheit hat. Dem haben wir geholfen einen Pflegeantrag zu stellen. Jetzt gehen wir einmal in der Woche für ihn Einkaufen. Einer anderen Frau haben wir auch für längere Zeit geholfen. Herbert ist monatelang von Neukölln aus der Suppenküche bis Kreuzberg gefahren, um ihr das Essen zu bringen. Sie hatte sich die Schulter gebrochen und konnte sich kaum bewegen. Viele Anfragen haben wir leider noch nicht, weil wir noch keine eigenen Räume haben. Bei uns läuft alles nur übers Telefon und ohne direkten persönlichen Kontakt trauen sich die meisten nicht. Spenden haben wir aber viele. Wir könnten drei Flohmärkte am Tag machen, so viele Sachen haben wir. Mehr können wir nicht annehmen. Kleidung geben wir schon weiter an Fixpunkt in der Karl-Marx-Straße. Mit denen haben wir uns jetzt ein bisschen zusammengetan. Man muss sich schon helfen. Von nix kommt nix!

Wie oft macht ihr Flohmarkt?
2018 haben wir jeden Sonntag Flohmarkt gemacht. Jetzt nur noch alle 14 Tage. Im Moment ist Winterpause. Nur am dritten Advent haben wir noch einen Stand auf dem Kranoldplatz auf dem Weihnachtsmarkt und dann geht es nächstes Jahr weiter.

Habt ihr nicht auch ein Magazin?
Wolfgang: Ja, Neukölln cool und wir machen auf vielen Kiezfesten mit. Das macht Spaß.

Wo kommt euer Geld her?
Christa: Hautsächlich vom Flohmarkt. Zusätzlich haben wir vom Quartiersmanagement Ganghoferkiez Geld für Ausstattung bekommen und für eigene Werbemittel. Für unser Fest am 3. November haben wir dort einen Antrag gestellt und davon Buden, Versicherungen, Band, Bestuhlung und so weiter erhalten. Da durften wir uns mal so richtig austoben.

Ihr beide seid ja ehrenamtlich tätig und die anderen?
Die meisten sind auch ehrenamtlich und ein paar arbeiten auch noch. Die machen mit, wenn sie Zeit haben. Viele bekommen Hartz 4 oder Rente.
Seit neuestem gibt es ja Artikel 16 I SGB II. Da kann man als Verein Leute einstellen, die länger als 6 Jahre arbeitslos waren und bekommt dann zwei Jahre lang Lohn, Krankenkassen und alle sonstigen Abgaben zu 100% erstattet. Im dritten Jahr bekommt man 90 % vom Arbeitsamt, im vierten 80 % und im fünften 70 % und dann müssen wir sie entlassen oder behalten, wenn wir selber genug Geld haben. So haben wir schon zwei Menschen von der Straße geholt. Ist ne gute Sache!

Erhaltet ihr monetäre Spenden?
Christa: Es plätschert so vor sich hin. Überwiegend erhalten wir Sachspenden. Voriges Jahr haben wir mal 2000 Euro von einer anonymen Spender*in erhalten. Außerdem gibt es einen, der regelmäßig 100 Euro spendet und ein*e andere*r schickt 20 Euro monatlich. Das ist toll!
Wir zahlen aber zum Beispiel auch regelmäßig Miete für den Stauraum, wo wir unser Sachen für die Flohmärkte lagern.

Was unterscheidet euch von anderen Vereinen?
Christa: Wir haben das Armsein von der Pieke auf gelernt. Wenn du immer wenig verdient hast, dann weißt du, wie das geht und kannst mit wenig Geld umgehen.
Wolfgang: Ich bin von der Selbständigkeit in Hartz 4 abgerutscht und jetzt ist meine Rente, deshalb bekomme ich jetzt Grundsicherung.
Christa: Ja, damit hast du dann genauso viel wie ich. Nur, dass du das vom Staat kriegst. Die Wirtschaft sollte sich mal wieder darauf besinnen Arbeitsplätze anständig zu bezahlen. Sie verlässt sich zu sehr auf den Staat. Man muss von Arbeit leben können. Heute haben junge Leute ja schon drei Jobs gleichzeitig, weil sie nirgendswo richtig bezahlt werden.
Wolfgang: Wenn sie dann auf Rente gehen, haben sie nur ganz wenig Geld, weil sie immer nur Minijobs hatten.
Christa: Die Armut ist hausgemacht. Wir würden auch gerne ein bisschen mehr Geld haben, obwohl wir anders damit umgehen.
Wolfgang: Wir gründen unsere eigene Partei Die superarmen!

An welchen Herausforderungen seid ihr gewachsen?
Beide: Wir sind an allem gewachsen. Haben jede Schwierigkeit gemeinsam gemeistert. Daran sind wir gewachsen. Wir haben jeden Antrag, jeden persönlichen Termin, jede Entscheidung gemeinsam gemeistert.
Wolfgang: Wir sind gut präsent durch unsere Medienarbeit. Man nennt uns sogar schon mediengeil. Wenn man nicht versucht etwas zu bewegen und die Leute reden nicht mehr über einen, dann hat man nichts mehr zu melden. Die Medien melden sich bei uns, weil sie uns aus anderen Medien kennen.

Was sind Eure Ziele?
Christa: Vielen steht Wohlfahrt zu, aber sie trauen sich nicht. Wir wollen ihnen bei den ersten Schritten helfen, deshalb brauchen wir Räume als Begegnungsstätte, wo wir ins Gespräch kommen können, gemeinsam einen Tee oder Kaffee trinken können und schließlich helfen können. Die meisten brauchen das für einen Erstkontakt. Wir haben uns vorgenommen einen solchen Ort zu haben, wenn wir unser erstes Jubiläum haben. Das ist das Ziel. Und wir wollen das selber finanzieren.

Worauf seid ihr besonders stolz?
Christa: Wir sind besonders stolz darauf, dass uns viele schon kennen. Wir verstecken uns nicht. Wir sagen, dass wir hier sind.

Wo bräuchtet ihr Unterstützung?
Wir brauchen Austausch mit anderen Vereinen, aber uns fehlen auch hier die Räume.
Wolfgang: Neulich waren wir bei Kiez und Kneipe und haben viele Leute kennengelernt. Es gibt einen Hoffnungsschimmer im Schillerkiez, denn da gibt es eine sozial engagierte Hauseigentümerin, die ein Ladengeschäft frei hat. Das wäre toll, wenn das klappt!

Was sind eure nächsten Pläne?
Christa: Nächstes Jahr wollen wir ein Fest im Sommer machen.
Weiterhin suchen wir den Milliardär, der einen Tag auf seine Einnahmen verzichtet und uns spendet. Das wäre für ihn kaum fühlbar, aber würde uns mächtig helfen.
Wolfgang: Hoffen und harren, macht manchen zum Narren, aber vielleicht haben wir ja das Glück!
Christa: Was wir bis jetzt in 1,5 Jahren geschafft haben, dafür brauchen andere viel länger.
Wolfgang: Da sind wir ja auch stolz drauf!