Vereinsportrait

Vereinsporträt: Die Superarmen e.V.

Den Verein Die Superarmen e.V. habe ich über ein engagiertes Mitglied kennengelernt, der in unsere Beratung gekommen ist. Für das Vereinsporträt traf ich mich mit den beiden Mitgliedern Christa Vieten und Wolfgang Retzlaff. 

Was macht Euer Verein?
Christa: Wir sind die Die Superarmen – Arme für Arme und wir wollen für genauso arme Menschen dasein, wie wir es sind. Das bedeutet: Einkaufen, bei Krankenhausaufenthalten mal den Hund ausführen, Blumengießen, Essen bringen. Oder auch einfach mal helfen Anträge auszufüllen, wenn das Beamtendeutsch einen mal wieder herausfordert. Da wollen wir helfen. 

Was ist Euer Satzungszweck?
Beide: Glauben, grob steht da Wohlfahrtspflege.

Wie habt ihr Euch gegründet?
Christa: Angefangen hat alles in der Warteschlange auf dem Hof der Berliner Tafel in der Karl-Marx-Straße Laib und Seele.  Da haben sich einige kennengelernt und eine kleine Gruppe gebildet, die dort öfter zusammen hingegangen ist. 2015 kam irgendjemand auf die Idee: haben wir uns schonmal richtig bedankt? Das war kurz vor Ostern. Also haben wir dann für die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen von Laib und Seele Osternester gefüllt und jedem Mitarbeiter*in ein Nest geschenkt. Das war toll. Noch im selben Jahr haben wir dann ein kleines Fest nach Feierabend für sie vorbereitet mit Würstchen, Steaks und Salaten. Ein Fässchen Bier und Biergarnituren gab es auch.  Nach einer kleinen Ansprache haben sich dann alle hingesetzt und zusammen gegrillt und wir haben sie gerne bedient.
So fing das alles an.
2016 haben wir in dem gleichen Hof dann ein Sommerfest ausgerichtet. 2017 haben wir uns dann den Richardplatz ausgesucht und wollten den Erlös dem Katzenhaus in Lichtenrade spenden, aber es war alles so teuer, dass die Ausgaben die Einnahmen gefressen haben. Da waren wir traurig.
Dann war jemand von der Berliner Woche bei uns und hat einen Bericht über uns geschrieben. Daraufhin haben wir eine Spende von 500 Euro erhalten, die wir dann als Gutschein feierlich an das Katzenhaus übergeben haben. Zufällig war das auch der Weltkatzentag.

Wie kam es schließlich zum Verein?
Wolfgang: Durch das Fest am Richardplatz. Damals sagten alle, es wäre billiger gewesen, wären wir ein eingetragener Verein gewesen.  Dann haben wir beschlossen einen zu gründen.
Christa: Wir haben dann ganz naiv einen Verein gegründet, indem wir uns im Internet informiert haben, wie man sich gründet und eine Satzung ausarbeitet. Unsere Fassung wurde dann 2 x abgelehnt vom Amtsgericht, aber seit dem 22.6. 2018 sind wir ein eingetragener Verein und seit 7. Februar 2019 ein gemeinnütziger Verein.

Wie entstand euer Name?
Christa: Wir wollten was einprägsames und originelles, worüber die Leute nachdenken und was das eigentlich bedeutet und keinen Allerweltsnamen!
Wir sind arm aber super drauf, also Die Superarmen! Das hat uns allen gleich gefallen. Wir sind zwar arm, aber super drauf, weil wir Freunde haben. Tolle Erklärung, oder?

Wieviel Mitglieder*innen habt ihr?
Beide: Zehn

Was macht ihr meisten?
Beide: Flohmarkt!
Christa: Wir haben aber auch Jemanden in der Sonnenallee, der nicht laufen kann, weil er die Lungenkrankheit hat. Dem haben wir geholfen einen Pflegeantrag zu stellen. Jetzt gehen wir einmal in der Woche für ihn Einkaufen. Einer anderen Frau haben wir auch für längere Zeit geholfen. Herbert ist monatelang von Neukölln aus der Suppenküche bis Kreuzberg gefahren, um ihr das Essen zu bringen. Sie hatte sich die Schulter gebrochen und konnte sich kaum bewegen. Viele Anfragen haben wir leider noch nicht, weil wir noch keine eigenen Räume haben. Bei uns läuft alles nur übers Telefon und ohne direkten persönlichen Kontakt trauen sich die meisten nicht. Spenden haben wir aber viele. Wir könnten drei Flohmärkte am Tag machen, so viele Sachen haben wir. Mehr können wir nicht annehmen. Kleidung geben wir schon weiter an Fixpunkt in der Karl-Marx-Straße. Mit denen haben wir uns jetzt ein bisschen zusammengetan. Man muss sich schon helfen. Von nix kommt nix!

Wie oft macht ihr Flohmarkt?
2018 haben wir jeden Sonntag Flohmarkt gemacht. Jetzt nur noch alle 14 Tage. Im Moment ist Winterpause. Nur am dritten Advent haben wir noch einen Stand auf dem Kranoldplatz auf dem Weihnachtsmarkt und dann geht es nächstes Jahr weiter.

Habt ihr nicht auch ein Magazin?
Wolfgang: Ja, Neukölln cool und wir machen auf vielen Kiezfesten mit. Das macht Spaß.

Wo kommt euer Geld her?
Christa: Hautsächlich vom Flohmarkt. Zusätzlich haben wir vom Quartiersmanagement Ganghoferkiez Geld für Ausstattung bekommen und für eigene Werbemittel. Für unser Fest am 3. November haben wir dort einen Antrag gestellt und davon Buden, Versicherungen, Band, Bestuhlung und so weiter erhalten. Da durften wir uns mal so richtig austoben.

Ihr beide seid ja ehrenamtlich tätig und die anderen?
Die meisten sind auch ehrenamtlich und ein paar arbeiten auch noch. Die machen mit, wenn sie Zeit haben. Viele bekommen Hartz 4 oder Rente.
Seit neuestem gibt es ja Artikel 16 I SGB II. Da kann man als Verein Leute einstellen, die länger als 6 Jahre arbeitslos waren und bekommt dann zwei Jahre lang Lohn, Krankenkassen und alle sonstigen Abgaben zu 100% erstattet. Im dritten Jahr bekommt man 90 % vom Arbeitsamt, im vierten 80 % und im fünften 70 % und dann müssen wir sie entlassen oder behalten, wenn wir selber genug Geld haben. So haben wir schon zwei Menschen von der Straße geholt. Ist ne gute Sache!

Erhaltet ihr monetäre Spenden?
Christa: Es plätschert so vor sich hin. Überwiegend erhalten wir Sachspenden. Voriges Jahr haben wir mal 2000 Euro von einer anonymen Spender*in erhalten. Außerdem gibt es einen, der regelmäßig 100 Euro spendet und ein*e andere*r schickt 20 Euro monatlich. Das ist toll!
Wir zahlen aber zum Beispiel auch regelmäßig Miete für den Stauraum, wo wir unser Sachen für die Flohmärkte lagern.

Was unterscheidet euch von anderen Vereinen?
Christa: Wir haben das Armsein von der Pieke auf gelernt. Wenn du immer wenig verdient hast, dann weißt du, wie das geht und kannst mit wenig Geld umgehen.
Wolfgang: Ich bin von der Selbständigkeit in Hartz 4 abgerutscht und jetzt ist meine Rente, deshalb bekomme ich jetzt Grundsicherung.
Christa: Ja, damit hast du dann genauso viel wie ich. Nur, dass du das vom Staat kriegst. Die Wirtschaft sollte sich mal wieder darauf besinnen Arbeitsplätze anständig zu bezahlen. Sie verlässt sich zu sehr auf den Staat. Man muss von Arbeit leben können. Heute haben junge Leute ja schon drei Jobs gleichzeitig, weil sie nirgendswo richtig bezahlt werden.
Wolfgang: Wenn sie dann auf Rente gehen, haben sie nur ganz wenig Geld, weil sie immer nur Minijobs hatten.
Christa: Die Armut ist hausgemacht. Wir würden auch gerne ein bisschen mehr Geld haben, obwohl wir anders damit umgehen.
Wolfgang: Wir gründen unsere eigene Partei Die superarmen!

An welchen Herausforderungen seid ihr gewachsen?
Beide: Wir sind an allem gewachsen. Haben jede Schwierigkeit gemeinsam gemeistert. Daran sind wir gewachsen. Wir haben jeden Antrag, jeden persönlichen Termin, jede Entscheidung gemeinsam gemeistert.
Wolfgang: Wir sind gut präsent durch unsere Medienarbeit. Man nennt uns sogar schon mediengeil. Wenn man nicht versucht etwas zu bewegen und die Leute reden nicht mehr über einen, dann hat man nichts mehr zu melden. Die Medien melden sich bei uns, weil sie uns aus anderen Medien kennen.

Was sind Eure Ziele?
Christa: Vielen steht Wohlfahrt zu, aber sie trauen sich nicht. Wir wollen ihnen bei den ersten Schritten helfen, deshalb brauchen wir Räume als Begegnungsstätte, wo wir ins Gespräch kommen können, gemeinsam einen Tee oder Kaffee trinken können und schließlich helfen können. Die meisten brauchen das für einen Erstkontakt. Wir haben uns vorgenommen einen solchen Ort zu haben, wenn wir unser erstes Jubiläum haben. Das ist das Ziel. Und wir wollen das selber finanzieren.

Worauf seid ihr besonders stolz?
Christa: Wir sind besonders stolz darauf, dass uns viele schon kennen. Wir verstecken uns nicht. Wir sagen, dass wir hier sind.

Wo bräuchtet ihr Unterstützung?
Wir brauchen Austausch mit anderen Vereinen, aber uns fehlen auch hier die Räume.
Wolfgang: Neulich waren wir bei Kiez und Kneipe und haben viele Leute kennengelernt. Es gibt einen Hoffnungsschimmer im Schillerkiez, denn da gibt es eine sozial engagierte Hauseigentümerin, die ein Ladengeschäft frei hat. Das wäre toll, wenn das klappt!

Was sind eure nächsten Pläne?
Christa: Nächstes Jahr wollen wir ein Fest im Sommer machen.
Weiterhin suchen wir den Milliardär, der einen Tag auf seine Einnahmen verzichtet und uns spendet. Das wäre für ihn kaum fühlbar, aber würde uns mächtig helfen.
Wolfgang: Hoffen und harren, macht manchen zum Narren, aber vielleicht haben wir ja das Glück!
Christa: Was wir bis jetzt in 1,5 Jahren geschafft haben, dafür brauchen andere viel länger.
Wolfgang: Da sind wir ja auch stolz drauf!

 

 

 

Vereinsportrait: genug e.V.

Den Verein genug e.V. habe ich über ein engagiertes Mitglied kennengelernt, der für die Steuererklärung in unsere Beratung kam. Für das Vereinsportrait traf ich mich mit der Vereinsgründerin und Vorständin Christiane Schwauch.

 

 

Wie ist euer Verein entstanden?

Begonnen hat alles mit der Initiative „Jahr ohne Zeug“ im Jahr 2013. Da habe ich einer Freundin nebenbei erzählt, dass ich nichts kaufe und daraufhin haben wir in eisiger Kälte ziemlich lange über Konsum, Nachhaltigkeit und vieles mehr geredet. Mein Kollege und ich haben uns dann dazu entschlossen, Menschen über eine Facebook-Seite dazu anzuregen, ein Jahr ohne überflüssiges Zeug und Konsum zu leben. Zeug sind in dem Fall Gegenstände, die nach Gebrauch noch da sind, also zum Beispiel Mobiliar, Kleidung, Elektronik etc. In dem Jahr ohne Zeug wird auf ein Großteil dieser Anschaffungen verzichtet. Für Sachen, die allerdings wirklich benötigt werden stehen zwei Joker zur Verfügung.

Das Projekt sollte dazu dienen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was man wirklich braucht und was einem wichtig ist. Außerdem wollen wir Alternativen aufzeigen, wie man Sachen anders erhalten, reparieren oder besorgen kann. Wir haben die TeilnehmerInnen auf einer Facebook-Seite mit Artikeln begleitet , die Alternativen des Konsums vorgestellt oder Hintergrundinfos gegeben haben – darüber, was Suffizienz bedeutet: sowohl für einzelne Personen, aber auch im weltwirtschaftlichen Kontext.

Erfahrungsgemäß bringt allein der Satz „Ich kaufe ein Jahr lang nichts“ Menschen zum Nachdenken und in den Dialog über Konsumverzicht. Das erweckt viel Aufmerksamkeit und schlägt Wellen. Das Projekt hat viel mehr Zuspruch bekommen und Teilnehmer angezogen als erwartet. Nach fünf Jahren, in denen wir zu zweit die Initiative bestritten haben, haben wir angefangen uns darüber Gedanken zu machen, wie wir das Ganze auf eine institutionelle Ebene heben könnten und haben den Verein Ende 2017 gegründet.

 

Was ist das Ziel Eures Vereins?

Der Vereinszweck ist, die Themen Suffizienz und Nachhaltigkeit in den Fokus zu rücken. Das bedeutet Fragen zu thematisieren wie „Wieviel brauchen wir wirklich? Wieviel Planet können wir ausschöpfen? Müssen wir wirklich so leben, wie wir gerade leben? Was ist genug?“ und ein Bewusstsein dafür zu formen, inwiefern eine konsumorientierte Welt, die stark auf Kosten anderer lebt, von imperialen Strukturen aufrechterhalten wird und was wir daran im Einzelnen ändern könnten.

© Hannah Krist/genug e.V.

Was macht ihr?

Wir haben drei Hauptprojekte. Neben dem „Jahr ohne Zeug“ geht es uns darum globale Zusammenhänge in den Kiez zu bringen. Darum betreuen wir neben „Ein Jahr ohne Zeug“ auch die Projekte „Neukölln Nachhaltig – Das Fest“ und den „Tag des guten Lebens“.

Wir haben schnell gemerkt, dass wir mit Veränderung sehr gut bei uns selbst und unserem nächsten Umfeld beginnen können. Wir können durch den direkten Kontakt und dem lokalen Bezug sehr gut Sensibilisierungsarbeit auf Augenhöhe leisten und gemeinsam der Frage nachgehen „Was ist das gute Leben für alle?“.

War das Nachhaltigkeitsfest Eure Idee?

Ich denke wir als Verein waren gerade an einem Punkt, an dem wir auch von uns aus ein solches Projekt angedacht hatten. Die Ausschreibung des Bezirksamtes kam uns da gelegen. In der Ausschreibung ging es hauptsächlich um die Frage der Müllverwertung und -vermeidung und darum, wie wir die Nachbarschaft miteinbeziehen können. Und es ging darum, das Wir in diesem Kontext zu pflegen, damit sich alle gemeinsam verantwortlich fühlen.

Beim Nachhaltigkeitsfest und generell sind wir als Verein der Überzeugung, dass man einen allgemeineren Ansatz braucht, als den Fokus nur auf Müllvermeidung zu legen. Dieses Jahr war z.B. Mobilität ein großes Thema. Wie kann das nachhaltiger gestaltet werden? Ein einfaches Beispiel sind Lastenfahrräder.

In einem Workshop habe ich Davide B. kennengelernt, der den „Tag des guten Lebens“ bereits in Köln iniitiert hat. Diese Idee wollten wir jetzt auch nach Neukölln bzw. Berlin bringen. Es geht darum drei Berliner Kieze für einen Tag autofrei zu gestalten. Auch bei diesem Projekt liegt der Fokus darauf, Menschen zum Nachdenken anzuregen – und zwar darüber, wie ein Leben ohne Autos sein könnte. Ich glaube daran, dass es wichtig ist, diese Erfahrung – einen Kiez völlig ohne Autos – selbst zu erleben, um zu schauen, ob man sich ein Leben so vorstellen könnte. Inzwischen läuft das Projekt gut an und der erste Tag des guten Lebens findet im Juni 2020 statt – allerdings vorerst nur in drei Berliner Kiezen.

© Hannah Krist/genug e.V.

 

Wieviele Mitglieder habt ihr?

Wir haben 15 Mitglieder. Viele davon sind NeuköllnerInnen, weil viele sich bereits vorher kannten. Inzwischen bekommen wir aber auch überregionale Anfragen der Mitgliedschaft. Wir überlegen also bereits, ob und wie wir deutschlandweit arbeiten könnten. Dafür müssen wir uns aber erstmal überlegen, wie wir perspektivisch vereinsintern und strukturell arbeiten wollen.

 

Wie finanziert Ihr Euch?

Wir haben keine festen MitarbeiterInnen. Beim Nachhaltigkeitsfest werden Honorare gezahlt weil der Organisationsaufwand sehr hoch ist. Ansonsten haben wir viele HelferInnen, denen wir auch versuchen, eine Aufwandsentschädigung zu zahlen. Wir haben bisher keine aktive Spendenakquise betrieben, weil wir noch zu klein sind. Bisher läuft das meiste ehrenamtlich.

 

Was würdest du sagen, ist euer Alleinstellungsmerkmal?

Leider weiß ich gar nicht, wie andere Vereine arbeiten und mache mir Gedanken darum, ob die Vereinsstruktur für uns das richtige Gerüst ist. Für uns ist der Verein nämlich hauptsächlich: eine Körperschaft, um Dinge gemeinsam angehen zu können, ein strukturelles Gerüst. Grundsätzlich teilen wir aber alles, was wir machen auch mit Nicht Vereinsmitgliedern und eben auch gerade mit denen. Es geht uns darum, das Thema Nachhaltigkeit niedrigschwellig in den Mainstream zu bringen. Was wir machen, würden wir aber auch ohne dieses Gerüst machen.

Vor welchen Herausforderungen habt ihr in der Vergangenheit als Verein gestanden? An welchen Ereignissen ist euer Verein gewachsen?

Eine Herausforderung ist auf jeden Fall die Frage der Perspektive: Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Wie viel Zeit haben wir für das Projekt? Und wollen wir deutschlandweit oder lokal arbeiten? Was tun wir, wenn wir weder Mittel noch Zeit dafür haben? Wie weit vertrauen wir anderen, das Projekt so weiterzuführen, wie wir das erdacht haben? Was ist für uns die richtige Struktur? Ein Verein mit wenigen Mitgliedern und entsprechend wenig Abstimmungsaufwand oder mit großer Mitgliederbasis und vielen Ideen und großer Reichweite? Wir möchten die unkomplizierte Verfasstheit, die wir jetzt haben gerne erhalten, uns andererseits aber auch viel mehr öffnen.

Eine große Herausforderung ist es auch die Gelder mehr für Arbeit und weniger für Zeug auszugeben. Viele Vereine stellen viel auf die Beine und brauchen dafür Sachmittel. Das benötigen wir nie. Das widerspricht unserem Konzept der Suffizienz. Wir versuchen mit möglichst wenig Mitteln möglichst viel umzusetzen. Wir könnten tolle Öffentlichkeitsarbeit machen und tolle T-Shirts und Bags verkaufen und uns darüber finanzieren. Aber gerade das wollen wir nicht. Viele Förderungen haben einen hohen Anteil an Sachmittelförderungen und dementsprechend haben viele Vereine hohe Ausgaben.

Ich finde es schade, dass wir mit niedrigschwelligen Förderungen zwar Bierbänke kaufen können, aber niemanden dafür bezahlen können, der eine anständige Website gestaltet.
Es wäre schön, wenn wir mehr Wertschätzung zeigen könnten und nicht immer auf der persönlichen Schiene Verbindlichkeiten schaffen würden. Ein gutes Mittel dafür wäre Bezahlung. Dankbarkeit sollte sich auch finanziell niederschlagen. Ehrenamtliches Engagement muss man sich eben auch leisten können.

Konntet ihr die Herausforderung meistern?

Was die strukturellen und bürokratischen Herausforderungen angeht, sind wir darauf gekommen, dass sich am besten ein Vereinsmitglied richtig in die Materie einlesen sollte, recherchiert und es den anderen vorträgt. Vorerst ist das eine mögliche und effiziente Arbeitsaufteilung, solange wir in einem kleineren Team und lokal arbeiten. Wenn viele Menschen an einem Thema arbeiten, braucht man auch viel Verwaltung und Organisation. Bürokratie ist eine Herausforderung, aber auch Grundlage für Wachstum.

Worauf seid ihr besonders stolz?

Ich bin stolz darauf, mit fast keinem Geld viel Aufmerksamkeit erzeugt zu haben für unser Thema. Das heißt, es ist eine gute Idee, die wir kurz formuliert haben und die Idee sich einfach durchgesetzt hat. Jetzt können wir uns eine Struktur geben und auch noch mehr umsetzen. Ich bin auch stolz, dass wir bereits im ersten Jahr unseren ersten Projektantrag beim Bezirksamt durchbekommen haben. Das heißt wohl, dass wir ein solides Konzept geschrieben haben, gut vernetzt sind, lokale Begebenheiten kennen und das, was wir machen gut kommunizieren können. Das finde ich schon gut und das macht mich stolz.

 

Wo braucht ihr als Verein noch Unterstützung?

Ich hätte schon gerne einen Leitfaden zum Vereinswesen. Sozusagen einen 1 zu 1 des Vereinsführens. Gerade in finanziellen und buchhalterischen und Verwaltungsaspekten. Wir haben ein großes Interesse daran, alles korrekt zu verwalten und abzurechnen. Es wäre schade, wenn unser Projekt an verwalterischen Hindernissen scheitert.
In diesem Sinne wäre ein Austausch mit erfahrenen Vereinen super.

 

Was könnt ihr im Tausch anbieten?

Wir sind – glaube ich – richtig gut in der Öffentlichkeitsarbeit.

 

Das Interview führten wir am 23.07.2019. Im Anschluss entstand ein ausführlicheres Gespräch, welche Angebote der Verein noch nutzen könnte bei Neukölln VEREINt.

 

Vereinsportrait: VAFK Berlin-Brandenburg e.V.

Den Verein Väteraufbruch für Kinder Berlin-Brandenburg e.V. habe ich über den engagierten Schatzmeister kennengelernt, der regelmäßig an Neukölln VEREINt Veranstaltungen teilnahm. Für das Vereinsportrait traf ich mich mit dem Vorstandsmitglied Alexander Hahn.

 

Wie ist euer Verein entstanden?

1988 hat sich der bundesweite Verein gegründet, nachdem immer mehr Väter unzufrieden waren, dass nach Scheidungen das Sorgerecht nur an die Mutter ging. Das wurde 1989 dann als verfassungswidrig erklärt, aber trotzdem hat sich nicht viel an der Zuweisung des Sorgerechts geändert – aus dieser Unzufriedenheit heraus ist der Verein entstanden. Unseren Landesverein gibt es seit 1991.

Was würdest du sagen, ist euer Alleinstellungsmerkmal?

Fachlich: Wir haben jahrzehntelange Erfahrung und hohe fachliche Expertise mit strittigen Eltern in Trennung und Scheidung und verstehen, wie es den Menschen dabei geht. Darum können wir zielgerichtet helfen – Vätern, Müttern und auch weiteren Familienangehörigen, die sich für die Kinder einsetzen wollen.

Im Bezug auf den Verein: Wir haben eine bunt gemischte Mitgliederstruktur: Väter, Mütter und Menschen unterschiedlicher sexueller Identitäten und Orientierungen und unterschiedlicher Altersgruppen mit unterschiedlichen Bildungs- und Einkommensniveaus – vom Hartz 4 Empfänger bis zum Millionär ist alles dabei.

Wieviele Mitglieder habt ihr?

Bundesweit rund 4.000, davon sind ca. 10% Frauen
In unserem Landesverband haben wir rund 300 Mitglieder.

Unter den Mitgliedern sind nicht nur Väter oder Mütter, sondern auch Freunde von Betroffenen oder Jugendamtsmitarbeiter*innen, die das Thema zwar nicht beruflich, aber eben im Rahmen einer Vereinsmitgliedschaft auch fachlich unterstützen können.

Wieviel Hauptamtliche arbeiten bei euch?

In unserem Landesverband sind alle ehrenamtlich. Teilweise haben wir aber Rentner, die das Ehrenamt quasi in Vollzeit ausüben. Unser Verein lebt vom gemeinsamen Engagement.

Vor welchen Herausforderungen habt ihr in der Vergangenheit als Verein gestanden? An welchen Ereignissen ist euer Verein gewachsen?

Während die Gleichberechtigung der Frau vorangetrieben wurde, wurde im gleichen Zuge die gesellschaftliche und rechtliche Benachteiligung des Mannes im Falle einer Trennung verstärkt: Es gibt immer noch zu wenig Anerkennung für die Doppelbelastungen von Männern als Berufstätige und gute Väter. Im Falle einer Trennung wird im Zweifelsfall fast immer zugunsten der Mutter entschieden, die Väter scheinen verzichtbar – egal wieviel sie sich vorher in die Erziehung der Kinder miteingebracht haben. Hier kriegen wir aber auch viel Gegenwind, häufig von persönlich Betroffenen, aber auch von anderen, da das erstmal konservativ klingen mag. Und unausgesprochen gilt irgendwie immer noch: Wenn es der Mutter gut geht, geht es den Kindern gut – aber dass wir Väter auch gut mit Kindern können, dass Kinder auch ihre Väter brauchen, ist bei zu wenigen “auf dem Schirm”.

Konntet ihr die Herausforderung meistern?

Hoffentlich in Zukunft, daran arbeiten wir auch gemeinsam mit Mütterorganisationen – wir wollen ein Miteinander von Mutter und Vater erreichen. Ansonsten versuchen wir kleine Fortschritte zu machen, in dem wir Väter und Mütter beraten, bei außergerichtlichen Einigungen mit beiden Elternteilen vermitteln, helfen, alle Beteiligten (etwa auch die Großeltern) in den Entscheidungsprozess zu involvieren, oder auch, indem wir Lobbyarbeit machen oder moderierte Beratungsgruppen anbieten.

Worauf seid ihr besonders stolz?

Wenn wir es schaffen, Kindern auch nach einer Trennung einen möglichst unbeschwerten Kontakt zu beiden Eltern zu ermöglichen.. Aber auch, dass durch unsere Arbeit unsere Themen als gesellschaftliches Problem auf Bundesebene wahrgenommen werden und nun eine Diskussion über die Änderung des Familienrechts entstanden ist. Denn häufig zahlen Väter nach einer Trennung ungerecht viel: Sie müssen eine ausreichend große Wohnung haben, damit die Kinder auch zur Hälfte bei ihnen wohnen können, zahlen Lebensmittel und mehr – aber müssen zudem trotzdem für einen Großteil des Unterhalt aufkommen, ohne dass ihre Erziehungsleistung oder ihre Bedeutung für ihr Kind auch anerkannt wird. Außerdem kommt nach und nach in der gesellschaftlichen Debatte an, dass nach einer Trennung beide Elternteile den Kindern als echte Elternteile, nicht als Besuchspapas, erhalten bleiben sollen.

Wo braucht ihr als Verein noch Unterstützung?

Wir suchen weitere Kooperationspartner, z.B. Sportvereine, um z.B. eintägige Fussballworkshops für Elternteile mit ihren Kindern zu geben. Aber auch Kontakte zu Alleinerziehenden oder zu guten Veranstaltungslocations sind wichtig für unsere Arbeit.
Außerdem freuen wir uns über aktive Mitwirkung im Verein, sowohl im Rahmen von Veranstaltungen als auch von weiteren Aktionen. Wir freuen uns über jeden, der Ideen hat und helfen kann, dass nach einer Trennung Eltern weiter gut als Eltern für ihre Kinder da sein können. Wir hätten viel zu tun, sind aber als ehrenamtlich organisierter Verein in unseren Möglichkeiten leider eingeschränkt.

Was könnt ihr im Tausch anbieten?

Hilfe, Beratung und Unterstützung in schwierigen Trennungssituationen und ein tolles und offenes Team-Gefühl bei gemeinsamen Veranstaltungen. Und außerdem das gute Gefühl, Kindern getrennter Eltern das Leben ein klein wenig leichter gemacht zu haben.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Mehr Informationen zum Verein findet ihr unter: https://berlin.vafk.de/